
In St. Clemens in Drolshagen, nahe meinem Heimatort Olpe, gibt es seit einigen Jahren dieses neue Altarbild. Strenge Symmetrie, Kreuzigungsszene, kräftiges Rot und Gold. Aber dann auch: Jeans, Steppleiter, Maßband.
Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert:
1. Die Szenen von Altarbildern müssen gar nicht im 13. Jahrhundert spielen.
2. Diese Tradition ist ein Mitmachprojekt. Hier werkeln Leute mit und die sehen auch noch so aus wie du und ich. Die Gesichter auf dem Altar gehören zu echten Menschen und dem Künstler selbst.
Ich komme vom Land, wo Traditionen eine große, positive, identitätsstiftende Rolle spielen (und manchmal sicherlich auch eine einengende).
Gleichzeitig gelten Traditionen in vielen Kreisen des Landes mindestens als rückständig, vielleicht sogar als hinderlich für die Zukunft, belächelnswerte Beschäftigung für diejenigen, die mit der Geschwindigkeit der Welt nicht Schritt halten.
Ich glaube, Tradition und auch Folklore werden in Zukunft noch/wieder viel wichtiger. Sie sind soziales Kapital, wo Gesellschaft ökonomisch und politisch unter Stress gerät. Deswegen ist wichtig, sie so zu leben und zu betrachten, was sie ist und sein kann:
1. Tradition ist in der Vergangenheit verwurzelt und rankt in die Zukunft.
Wo die (Post-)Moderne ohne Utopien nur eine ewige Gegenwart beschwören kann, sagt die Tradition: es hat schon so viele Zukünfte gegeben und es werden noch viele kommen. So wie Traditionen gepflegt und weiterentwickelt (verändert!) werden, weisen sie in die Zukunft.
2. Tradition ist zum sichtbaren Mitmachen da: Man ist nicht Objekt, nicht Funktion – man ist Teil des Werks. Genau wie die Figuren auf diesem Altarbild.
In Zeiten, in denen Institutionen und Märkte als — eher bedrohliche — höhere Mächte gesehen werden, gibt es hier: Selbstwirksamkeit. Jeder, der sich hier engagiert, kann ins Bild kommen.
3. Traditon ist kein exklusives und übrigens auch kein notwendigerweise politisch konservatives Projekt und auch nicht als solches zu verstehen.
Es ist kein abgeschlossenes, teils nicht einmal ein begonnenes Projekt: Ich habe meinen größten Respekt für alle, die aus nichts eine Tradition erschaffen. Tradition ist gemeinsame gesellschaftliche Schöpfung. Berühmt und reich werden kann ich alleine, für eine Tradition brauche ich andere.
Traditionen und Folklore kulturelles und soziales Kapital. Sie sind kein Ballast, sondern eine Ressource, die unabhängig von Energiepreisen, Bürokratie und auch lagerübergreifend hervorragend kultiviert werden kann. Sie ist, um einen en-vogue‑n Begriff zu bemühen, gesellschaftliche Resilienz.
Mehr Tradition heißt nicht mehr Vergangenheit. Ich meine: mehr gemeinsame Schöpfung statt Erschöpfung.
Mehr gesellschaftliche Ankerpunkte gegen die Wirbel von Politik und Markt. Mehr gemeinsamer Grund um dieses große gemeinsame Abenteuer zu wagen: Zukunft.

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