Berlin gilt als Hauptstadt der Singles. Jeder zweite Haushalt in der Stadt wird von einer einzigen Person bewohnt — 1,25 Millionen Einpersonenhaushalte insgesamt.

Aber wer sind diese Menschen eigentlich? Die üblichen Vermutungen sind: 1. Witwen, die ihre Männer überlebt haben, 2. Junge Menschen, die noch nicht in fester Bindung sind.

Beide Gruppen gibt es. Aber zusammengenommen erklären sie nur rund ein Drittel der Single-Haushalte in Berlin.

Ein Mann. Ein Haushalt.

Die größte Gruppe unter den Berliner Alleinlebenden sind Männer zwischen 30 und 65 Jahren. Rund 431.000 Personen — das entspricht etwa 34 Prozent aller Berliner Einpersonenhaushalte. Fast jede dritte Singlewohnung in Berlin gehört einem Mann im erwerbsfähigen Alter.

Zum Vergleich: Frauen über 65 — die klassischen Witwen — kommen auf rund 234.000 Haushalte, etwa 19 Prozent. Auch das ist eine große Zahl. Aber sie ist deutlich kleiner als die der Männer in der Lebensmitte.

Quelle: Eigene Berechnung auf Basis Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (A I 17‑j/24 und A I 5‑j/25). Alters-Geschlecht-Aufschlüsselung teilweise geschätzt; Hilfsquelle: Gender Datenreport Berlin 2023. Zahlen gerundet.

Wer sind diese alleinlebenden Männer zwischen 30 und 65 Jahren?

Die amtliche Statistik gibt darauf keine direkte Antwort. Der Mikrozensus erfasst Haushalte, nicht Lebensgeschichten. Über Familien, die Haushaltsgrenzen überschreiten, weiß er strukturell nichts. Ob jemand Kinder hat, die bei der Ex-Frau wohnen, oder er nie in einer Beziehung war, ist für die Statistik das gleiche.

Was sich aus verschiedenen Quellen rekonstruieren lässt:

Die meisten Männer sind ledig, nicht geschieden. Bundesweite Mikrozensus-Daten zeigen, dass unter alleinlebenden Männern rund 65 Prozent ledig sind, etwa 18 Prozent geschieden und 7 Prozent verheiratet, aber getrennt lebend. Im mittleren Alter (35–64) verschiebt sich dieses Verhältnis — der Lediganteil sinkt, der Geschiedenenanteil steigt — aber ledig bleibt auch dort die häufigste Kategorie. Der Klischee-Typ des geschiedenen Vaters existiert, ist aber in der Minderheit.

Ein Teil sind unsichtbare Väter. Berlin zählt rund 171.000 Alleinerziehende, die meisten davon Mütter. Hinter fast jeder alleinerziehenden Mutter steht ein Vater, der statistisch anderswo wohnt — und in der Statistik als kinderloser Alleinlebender erscheint, obwohl er Vater ist. Grob geschätzt dürften 55.000 bis 65.000 der Männer 30–65 in Berliner Einpersonenhaushalten Väter sein, deren Kinder bei der Mutter leben. Das sind etwa 13 bis 15 Prozent der Gruppe — real und relevant, aber statistisch unsichtbar.

Ein weiterer Teil ist in einer Beziehung — wohnt aber trotzdem allein. Rund 35.000 bis 43.000 Männer dieser Gruppe dürften in sogenannten “bilokalen Paarbeziehungen” oder “LAT-Partnerschaften” (Living Apart Together) leben: fest liiert, aber mit getrennten Wohnungen.

Zwei Wohnungen als Lebensmodell

Bilokale Beziehungen oder LAT sind keine neue Idee. Der Begriff LAT wurde 1978 geprägt, beschreibt aber eine Lebensform, die in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Für Deutschland schätzt das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) den Anteil der LAT-Paare an der erwachsenen Bevölkerung auf rund 11 Prozent. In Großstädten ist er höher. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat 2025 bestätigt: In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen lebt noch immer rund jede zehnte Person mit Partner oder Partnerin in getrennten Haushalten.

Es sind häufiger Frauen, die sich dieses Modell wünschen . Nicht als Kompromiss, sondern als Ideal. Die niederländische Sozialwissenschaftlerin Jenny de Jong Gierveld zeigte anhand älterer Erwachsener nach Trennung oder Tod des Partners: Frauen halten an getrennten Wohnungen fest, weil sie den eigenen Haushalt schätzen und das Risiko einer erneuten traditionellen Rollenverteilung vermeiden wollen. Skandinavische Studien bestätigen: Ältere Frauen sind signifikant stärker motiviert, LAT zu wählen, um Unabhängigkeit zu sichern. Asendorpf hat das auf SOEP-Basis für Deutschland belegt: Paare, die im Alter von 38 Jahre oder älter eine neue Beziehung beginnen, werden nur in 20 Prozent der Fällen die Wohnsitze in den kommenden sechs Jahren zusammenlegen. Im jüngeren Alter ist es die Hälfte.

Das hat eine konkrete Konsequenz für den Wohnungsmarkt: Jedes bilokale Paar belegt dauerhaft zwei Wohnungen. Und je stärker dieser Effekt bei Frauen im mittleren und höheren Alter verankert ist, desto langfristiger ist der Bedarf.

Was das für die Stadtentwicklung bedeutet

Das BBSR prognostiziert, dass bis 2045 in Stadtstaaten mehr als jeder zweite Haushalt von einer einzelnen Person geführt wird — in Berlin steigt der Anteil von heute 56 auf voraussichtlich über 60 Prozent.

Hinter Singles verbergen sich also Witwen ebenso wie geschiedene Väter und junge Ledige. Wohnungspolitik, die all diese Gruppen in ein einziges Bild des „Singles” zusammenfasst, vergibt die Möglichkeit, den tatsächlichen Bedarf zu verstehen. Die 1,25 Millionen Berliner Einpersonenhaushalte sind keine homogene Nachfrage. Sie sind ein Querschnitt durch moderne Lebensformen — und der größte Querschnitt davon ist männlich, erwerbstätig und in der Lebensmitte.

Man kann jedem nur wünschen, die für ihn oder sie passende Wohnform zu finden. Aber es stellt uns vor Herausforderungen, wenn die Wohnformwünsche immer mehr Platz brauchen — das gilt vor allem für bilokale Paarbeziehungen. Wenn man mehr Menschen davon überzeugen könnte, mit ihren Partnern auch im Alter zusammenzuziehen, wäre schon viel gewonnen.

Wichtig ist aber auch: nicht alle wollen Single-Haushalte bleiben. Viele Menschen wollen sich vergrößern, wofür es entsprechend bezahlbaren Platz braucht. Wenn der Wohnungsmarkt hingegen auf Ein-Personen-Haushalte zugeschnitten wird, wird er auch jede Menge Ein-Personen-Haushalte produzieren.


Quellen: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Einwohnerbestand Berlin – Privathaushalte, 31.12.2024 (Stat. Bericht A I 17‑j/24); Einwohner nach Alter und Geschlecht, 31.12.2024 (Stat. Bericht A I 5‑j/25); Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2023/2024; Bundeszentrale für politische Bildung, Alleinlebende nach Geschlecht und Familienstand (2019); Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Bilokale Paarbeziehungen in Deutschland, BiB.Aktuell 9/2025; Asendorpf, J. (2008), Living Apart Together, Kölner Zeitschrift für Soziologie; BBSR, Haushaltsprognose 2025. Die Alters-Geschlecht-Aufschlüsselung der Einpersonenhaushalte enthält geschätzte Anteile, da die verfügbaren Rohdaten keine vollständige Kreuztabelle aus Alter und Geschlecht ausweisen. Hilfsquelle für Anker: Gender Datenreport Berlin 2023 (Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung). Aufbereitet mit Claude.


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