Tianxia als friedliche Weltordnung oder chinesische Hegemonie? Wahrscheinlicher: die Herrschaft von Tech und Finanzkapital.

Die These von Zhao Tingyangs Buch “Alles unter dem Himmel”: Internationale Politik ist nur die Fortsetzung nationaler Interessen. Es ist nicht einmal klar, ob sie Konflikte eher löst oder befeuert. Daher braucht es ein politisches Subjekt namens „Welt”. Ohne dieses Subjekt hat Weltgeschichte im eigentlichen Sinne noch gar nicht begonnen.

Das Gegenbild ist das Tianxia-System der Zhou-Dynastie (ca. 1050-250 v. Chr.). Tianxia bedeutet wörtlich „Alles unter dem Himmel” — und meint eine Ordnung ohne Außen, ohne Feinde, nur Koexistenz. Nicht Konkurrenz als Grundprinzip, sondern was Zhao das „konfuzianische Optimum” nennt: den gegenseitigen Nutzen maximieren, nicht den eigenen (Pareto-Effizienz für alle).

So weit so utopisch. Das 2020 erschienene Buch argumentiert interessant und legt den Finger in echte Wunden der westlichen politischen Theorie (vor allem das Spannungsverhältnis von Imperialismus und Universalismus).

Bemerkenswert fand ich aber eine nicht ganz neue, jedoch scharfe Analyse am Ende des Buches:

Zhao schreibt, dass die klassische Staatsmacht mit voranschreitender Globalisierung schleichend von systemischen Mächten abgelöst wird: Finanzmärkte, Medieninfrastrukturen, Technologieplattformen. Bei Elon Musik alles in einem.

Diese Netzwerke kennen keine Souveränität, keine Wahl, keine Legitimationspflicht. Wenn weder Staaten noch demokratische Institutionen diese Netzwerke zähmen können, entsteht eine „technologische Weltdiktatur” mit drei Szenarien:

1. Globale Ausbeutung. Offene Kriege werden zwar vermeiden — nicht aus Friedensliebe, sondern weil (eher: solange wie) Krieg das Geschäft stört. Stattdessen werden Staaten manipuliert, Souveränität umgangen, Widerstände soweit möglich subversiv gebrochen.

2. Technokratischer Idealismus. Wer die Welt kontrolliert, definiert das Leben der Menschen neu — mittels Hightech, exzellenter Serviceleistungen und, wo nötig, diktatorischer Macht.

3. Unbeschränkte technologische Entwicklung. Wissenschaft und Technik werden zur einzigen „Religion” — sie durchbrechen skrupellos kulturelle Tabus, moralische Traditionen, das Verhältnis zur Natur. Die technologische Entwicklung verläuft schneller als die moralische. Die Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs wäre dann deutlich größer als die eines glücklichen Lebens.

Seine Antwort: Tianxia.

Meine Antwort: Wenige Tage nach dem Börsengang von SpaceX und mit Blick auf das weitere Musk-Imperium aus Starlink, X, etc., ist die skizzierte Gefahr besonders präsent. Als westlich geprägter Mensch kann ich aber ein Tianxia nicht einmal denken, ohne einen verdeckten Imperialismus zu unterstellen. Ich kann also nur auf die Stärke liberaler Staaten hoffen.

Was ist eure?

PS: Überraschenderweise fällt der Begriff Klimawandel nicht ein einziges Mal in diesem Buch, in dem es um weltweite Koexistenz geht.


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